In der Novemberausgabe der sit, sozialarbeit in tirol, veröffentlichte der Fachbereichsleiter für Allgemeine Arbeitsassistenz und Jobcoaching der Arbeitsassistenz Tirol Harald Schneider einen Bericht über die Arbeitsweise der Allgemeinen Arbeitsassistenz der arbas. Im Folgenden können Sie den Beitrag nachlesen!

Berufliche Integration auf dem Weg zur Inklusion

von Harald Schneider

Torte Symbol ArbeitsassistenzDieser Artikel beschreibt die Arbeitsweise der Allgemeinen Arbeitsassistenz der Arbeitsassistenz Tirol (arbas) und setzt sie in Bezug zur UN-Konvention für Menschen mit Behinderung. Es wird die aktuelle Situation beschrieben und die derzeitigen Herausforderungen besprochen.

Arbeitsassistenz Tirol

Seit 1996 ist der Verein Arbeitsassistenz Tirol in der beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung tätig. Die Allgemeine Arbeitsassistenz begleitet erwachsene Menschen mit Behinderung bei der Erlangung von neuen Arbeitsplätzen und der Sicherung bestehender Arbeitsplätze. Im Laufe der Jahre sind neben der Allgemeinen Arbeitsassistenz weitere spezielle Angebote dazugekommen:

  •  Jugendcoaching (früher Clearing): ist ein Orientierungsprojekt im letzten Pflichtschuljahr, das Jugend­liche unterstützt, die nicht mehr weiter die Schule besuchen möchten und noch keine berufliche Zukunftsperspektive haben.
  • Jugendarbeitsassistenz dient der beruflichen Integration von Jugendlichen mit Handicap, die einen geeigneten Ausbildungsplatz für eine duale Berufsausbildung suchen.
  • Berufsausbildungsassistenz begleitet Jugendliche mit Beeinträchtigung während der lntegrativen Berufsausbildung (Verlängerte Lehre oder Teilqualifizierung).
  • Jobcoaching fördert die fachlichen, kommunikativen und sozialen Kompetenzen des Mitarbeiters bzw. der Mitarbeiterin durch die Anwesenheit und direkte Intervention am Arbeitsplatz.

Diese fünf Dienstleistungen sind österreichweit unter der Bezeichnung Netzwerk berufliche Assistenz (NEBA) zusammengefasst und treten unter dieser gemeinsamen Dachmarke auf.

Die Arbas bietet zusätzlich und ergänzend noch folgende Angebote an:

  • Technische Assistenz: Beratung für technische Hilfsmittel, um behinderungsbedingte Einschränkungen zu kompensieren oder die Ergonomie zu verbessern
  • Mittendrin: Begleitung von Personen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf bei der Erlangung und Sicherung eines Arbeitsplatzes
  • Brückenschlag: Fortbildungsmöglichkeit von Personen aus dem Management, die durch einen einwöchigen Wechsel in den NPO-Bereich, die Arbeit von sozialen Organisation kennenlernen

 Supported Employment

Die Allgemeine Arbeitsassistenz begleitet jährlich ca. 380 Personen bei der beruflichen Integration. 60% der begleiteten Personen haben nach unserer Begleitung einen geeigneten Arbeitsplatz oder der Arbeitsplatz wurde nachhaltig gesichert. Arbas orientiert sich wie alle Arbeitsassistenzen in Österreich am Konzept des Supported Employment.

Supported Employment wurde in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA entwickelt und hat das Ziel, Menschen mit und ohne Behinderung unabhängig von Art und Schwere der Behinderung bei der beruflichen Integration zu unterstützen. Somit nimmt Supported Employment sehr viele Ideen vorweg, welche in der UN Konvention für Menschen mit Behinderung festgeschrieben wurden:

  •    Individuelle Begleitung von Menschen mit Behinderung durch Berufsplanung und Erstellung eines Fähigkeitsprofils
  •    Individuelle Akquise von Arbeitsstellen, die zumindest kollektivvertraglich entlohnt werden und über der Geringfügigkeitsgrenze liegen
  •    Arbeitsplatzanalyse und behindertengerechte Arbeitsplatzanpassung
  •    Vermittlung von Arbeitserprobungen oder Praktika
  •    Beratungen für mögliche Förderungen des Dienstverhältnisses
  •    Betriebliche Unterstützungsmaßnahmen (Jobcoaching, Qualifizierungsplan)
  •    Beratung und Unterstützung von Vorgesetzten, Kolle­ginnen bzw. Kollegen in Fragen der Behinderung

Die UN- Konvention für Menschen mit Behinderung legt nach Artikel27 folgende Kriterien fest:

  •     Das Recht auf Arbeit in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und einem frei gewählten oder angenommenen Arbeitsumfeld (Absatz 1)
  •    Gleiche Recht von Menschen mit Behinderung auf gerechte und günstige Arbeitsbedingungen, einschließlich Chancengleichheit und gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit (Absatz 1, lit.B)

Aus meiner Sicht handelt es sich bei Supported Employment um ein gutes und erprobtes Modell, um berufliche Integration für Menschen mit Behinderung zu ermöglichen. Die UN Konvention und das Leitmotiv Inklusion fordert uns aber in der täglichen Arbeit heraus unsere eigenen Grenzen zu erweitern und neue Ideen in unserer Arbeit zu erproben.

 

Zweiklassensystem von Behinderung und Arbeitsmarkt

Das Behinderteneinstellungsgesetz setzt für die beruf­liche Integration eine “Leistungserbringungsfähigkeit von mindestens 50%” für einen Menschen mit Behinderung im Vergleich zu einem Arbeitnehmer bzw. eine Arbeitnehmerin ohne Behinderung fest. Ist diese nicht gegeben, kann die Person nicht dem Personenkreis “begünstigt behindert” angehören und dessen Schutzbestimmungen und Fördermöglichkeiten unterliegen.

Dies erschwert den Zugang für Personen mit erhöhtem Förderbedarf. Da jeder Arbeitnehmer bzw. jede Arbeitnehmerin nach dem Kollektivvertrag entlohnt wird, wäre eine eventuelle Leistungsminderung für die Dauer des Dienstverhältnisses von der öffentlichen Hand nicht kompensierbar. Können also jene Personen, welche die Unterstützung am meisten benötigen nicht dem Personenkreis “begünstigt behindert” angehören, ist es nicht möglich die Arbeitsverhältnisse zu fördern. Hier sollte dringend eine bundesweite Änderung erfolgen. In Tirol wird mit dem neuen Projekt “mittendrin” diese Lücke für jugendliche Menschen mit Behinderung geschlossen und die Dienst­ Verhältnisse über das Tiroler Rehabilitationsgesetz gefördert.

Veränderung des Arbeitsmarkrktes

Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist stark selektiv. Die wichtigsten Kriterien nach denen Personen am Arbeitsmarkt eingestellt werden sind die Verfügbarkeit formaler Bildungszertifikate, persönliche Mobilität und Flexibilität, Kommunikations- und Kooperationskompetenz, Fähigkeit zur Selbstorganisation, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit sowie die Fähigkeit zur Bewältigung beruflicher Unsicherheit und Veränderungen. Die Verfügbarkeit von formalen Bildungszertifikaten spiegelt sich in der Statistik der Allgemeinen Arbeitsassistenz wieder. Die Wahrscheinlichkeit nach Ende der Begleitung in einem Dienstverhältnis zu sein, ist bei Personen mit einem Lehrabschluss signifikant höher als bei Personen mit Pflichtschulabschluss als höchste abgeschlossene Ausbildung.

Um diesen Veränderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden, kann auf Dauer nur ein inklusives (Aus)Bildungssystem die Situation verbessern. Eine der ersten Schritte war 2003 die Einführung der Integrativen Berufsausbildung, die in Form der Verlängerten Lehre oder der Teilqualifizierung durchgeführt wird. Seit der Einführung dieses neuen Modells konnten bereits viele Jugendlichen mit Handicap, die nach der Pflichtschule keine Chance hatten, eine reguläre Lehre zu absolvieren, einen anerkannten Bildungsabschluss erreichen.

Bei erwachsenen Menschen mit Behinderung wird versucht mittels begleitenden Kurse wie z.B. von innovia die Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern. In einem bestehenden Dienstverhältnis ermöglicht Jobcoaching die Kompetenz des Menschen mit Handicap am Arbeitsplatz zu optimieren und flexibel auf neue Her­ausforderungen zu reagieren.

Neue Formen der Arbeit und Anstellungsmodalitäten

Neue Formen der Arbeit wie neue Selbständigkeit oder Werkverträge erfordern hohe Flexibilität, Mobilität und Eigenkapital für Anschaffungen. Zusätzlich sind Absicherungen für Zeiten der Krankheit oder Dienstausfall nicht oder nur eingeschränkt vorgesehen. Diese neue Formen Einkommen zu generieren, können wir nur in Einzelfällen befürworten. Ebenfalls hat sich die Anstellung bei Leasingfirmen als schwierig herausgestellt. Die Leasingfirma als Arbeitgeber könnte zwar gefördert werden, der Leasingnehmer erwartet sich aber die volle Leistung beim Einsatz der Person. Da größere Produktionsfirmen ein sogenanntes Integrationsleasing verwenden, ist es schwieriger geworden Personen zu integrieren. Die Person arbeitet bis zu 6 Monaten über die Leasingfirma. Sollte sie sich “bewähren”, wird sie vom Unternehmen angestellt. Für diese Formen der Anstellung sind die Dienste und die Integrationsmaßnahmen (Arbeitserprobung oder Förderung) nicht ausreichend angepasst. Zusätzlich sind diese Arbeitsformen mit einer flexiblen Arbeitsweise mit wechselnder Kollegenschaft und unterschiedlichen Einsatzorte gekennzeichnet, und stellen oft eine Überforderung für die Klientinnen und Klienten dar.

Individuelle Betreuungsdauer

Grundsätzlich ist die Begleitung der Allgemeinen Arbeitsassistenz auf ein Jahr befristet. Diese Zeitdauer ist für die meisten Personen ausreichend. Wenn Personen einen erhöhten Förderbedarf haben, wäre es wichtig, dass für eine Begleitung ein längerer Zeitraum möglich ist bzw. eine Begleitung auf Dauer eingerichtet wird. Ist der Unterstützungsbedarf der Person hoch, muss ein passgenauer Arbeitsplatz gesucht werden. Dies bedeutet, dass man mit längeren Praktikas einen Arbeitsplatz findet, der den indi­viduellen Fähigkeiten des Arbeitnehmers bzw. der Arbeitsnehmerin entspricht. Dafür werden geeignete Aufgaben im Unternehmen gesucht, welche die Person gut ausführen kann und die Person in einem überschaubaren sozialen Umfeld eingebettet ist.

Abschliessende Bemerkungen

Inklusion ist im beruflichen Kontext von der Bereitschaft der Unternehmen abhängig sich auf den Menschen mit Behinderung einzulassen. Dafür gibt es viele und beeindruckende Beispiele. Aufgrund der derzeitigen Arbeitsmarktsituation und der zögerlichen Einstellungspraxis haben sich die Möglichkeiten und Chancen deutlich verschlechtert. Ein Maß für diese Veränderung ist der Anteil der Sicherungen in unserer Arbeit. Waren es 2014 14% der Begleitungen sind es 2014 voraussichtlich 20% aller Begleitungen. Parallel zu dieser Entwicklung verschlechtern sich die Fördermöglichkeiten der öffentlichen Hand. Wie vor kurzem in der Tiroler Tageszeitung zu lesen war, erhält das AMS Tirol für 2015 wahrscheinlich € 6 Mio. weniger Budget. Das hatte bereits direkte Auswirkungen auf die Förderungen der Dienstverhältnisse in der Erstintegration.

Diese wurde im Oktober 2014 um 22% gekürzt. Die Ausweitung der beruflichen Integration in Richtung Inklusion ist derzeit aufgrund des angespannten Arbeitsmarktes und den gekürzten Integrationsmaßnahmen nur eingeschränkt möglich. Die Allgemeine Arbeitsassistenz und andere Dienstleistungen haben bereits gute und erprobte Instrumentarien um ein weites Spektrum auf dem Weg zur beruflichen Inklusion abzudecken und werden dort wo es möglich ist diese auch zur Anwendung bringen. Durststrecken überwinden zu können, ist eine Eigenschaft, die ich an unserem Berufsstand am meisten schätze. Das Thema Inklusion im beruflichen Kontext wartet auf eine große Oase.

Wer sie findet, meldet sich bitte bei:

DSA Harald Schneider
Fachbereichsleiter für Allgemeine Arbeitsassistenz und Jobcoaching, Arbeitsassistenz Tirol

 

Literatur: vgl. Wansing G. 2012, Seite 385

Desweiteren finden Sie auf der Downloadseite einen Artikel von David Sporschill, der über die Inklusion – Soziale Arbeit ist erst am Anfang – handelt.