Die Unternehmerin für eine Woche in einer sozialen Einrichtung? Der diplomierte Sozialarbeiter in einem Wirtschaftsbetrieb? – Das Projekt „Brückenschlag“ macht es möglich. Brückenschlag

Achatz: Die von der WirtschaftskammerTirol (WK Tirol) und dem Land Tirol finanzierte Initiative hat das Ziel, Führungskräften aus Wirtschaft und Non-Profit-Organisationen den Alltag des jeweils anderen dadurch näher zu bringen, dass sie für eine Woche in dessen Arbeitswelt eintauchen.
Auf diese Weise sollen nicht nur Verbindungen zwischen den Bereichen hergestellt werden- ganz wesentlich geht es darum, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, neue, andere Erfahrungen zu machen und seine „Soft Skills” über das Gewohnte hinaus zu fördern und zu entwickeln.

Mag. Bernhard Achatz, Leiter der Abteilung für Arbeits- und Sozialrecht der WK Tirol, hat das Projekt „ Brückenschlag” vor drei Jahren in Tirol initiiert, zusammen mit seiner Kollegin Marie-Luise Eccher. Nun hat er selbst einen Brückenschlag gemacht. Eine Woche lang war er in der GW Tirol mittendrin im Geschehen.

 

Gibt man auf der Website der WK Tirol den Begriff Brückenschlag ein, kommen Informationen zum Brückenschlag Kalkkögel. Wir reden hier aber von einem anderen Brückenschlag, oder?

Achatz: Mit den Kalkkögeln hat unser Brückenschlag natürlich nichts zu tun. Dieses Projekt ist vor zehn Jahren in Vorarlberg, vor drei Jahren hier in Tirol gestartet. Ausgangspunkt war, dass wir von der Wirtschaftskammer Tirol zusammen mit der Arbeitsassistenz Tirol und dem Land Tirol überlegt haben, wie wir Unternehmer motivieren können, mehr Menschen mit Beeinträchtigung in ihren Betrieben einzusetzen. Letztes Jahr im Herbst hat die WK Tirol zudem gemeinsam mit der WK Wien die Broschüre „Von Berufs wegen” herausgegeben. Sie enthält rund zwanzig Porträts von Menschen mit Beeinträchtigung, alles Führungskräfte aus der Wirtschaft. Das Thema Behinderung wird durch solche Projekte greifbarer.

 

Heuer haben Sie selbst nun einen Brücken­schlag gewagt und eine Woche in der GW Tirol mitgearbeitet. Was war Ihre Motivation?

Achatz: Es ist wie immer im Leben: Wenn man andere zu einem Brückenschlag motivieren will, sollte man ihn selbst auch machen. Meine Mitarbeiterin Marie-Luise Eccher war bei Artis, einer Einrichtung der Gesellschaft für Psychische Gesundheit Tirol. Ich habe mich aus mehreren Gründen für einen Brückenschlag in die GW Tirol entschieden.

 

Welche waren das?

Achatz: Erstens lebe ich in Schwaz. Dann gehört die WK Tirol zu den Gesellschaftern der GW Tirol. Den Betrieb nicht nur von außen zu betrachten, sondern einen Innenblick zu bekommen, fand ich reizvoll. Die GW Tirol ist ein Wirtschaftsunternehmen, in dem ein sehr hoher Prozentsatz an beeinträchtigten Menschen arbeitet. Sie ist also – entschuldigen Sie, wenn ich das einfach so sage- kein Bastelclub, sondern ein Betrieb, der sich behaupten muss, auch wenn es natürlich Unterstützung von der öffentlichen Hand gibt. Nicht zuletzt kenne ich Klaus Mair, den Geschäftsführer der GW Tirol, persönlich sehr gut und er war sofort einverstanden.

 

Etwas plump gefragt: Wie wars?

Achatz: Ich habe mir ja nicht nur die Abteilungen angeschaut, sondern zwei Tage in der Produktion mitgearbeitet. Nur wenn man mit den Menschen arbeitet, ein Teil von ihnen ist, bekommt man mit, wie die Arbeit ist, wie das Zwischenmenschliche, wie die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einen Tag habe ich Holzteile für Mühlengehäuse zusammengebaut und verleimt, am anderen war ich in der Getreidemühlen-Produktion. Positiv überrascht hat mich erst einmal, wie schnell ich aufgenommen wurde. Ich bin mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in die Pause gegangen, zum Mittagessen. Sie haben mich überallhin mitgenommen. Bereitsam ersten Tag habe ich mich so wohlgefühlt, als wäre ich immer schon da gewesen. Das war sehr interessant. vor allem wenn man bedenkt, wie lange es oft braucht, um in anderen Betrieben integriert zu werden. Wenn ich jetzt durch Schwaz gehe, grüßen mich die Leute von der GW Tirol, sie freuen sich, sie lachen. Das ist toll.

 

Hat sich für Sie persönlich etwas geändert?

Achatz: Schon nach dem ersten Tag habe ich eine persönliche Erdung gespürt, einen höheren Grad an Zufriedenheit ich glaube, es würde vielen Führungskräften gut tun, einen Brückenschlag zu machen. Man lernt die eigene Arbeit, das eigene Leben viel mehr zu schätzen und man sieht, Gesundheit ist nicht selbstverständlich. Sie kann schnell vorbei sein. Diese Woche in der GW Tirol wirkt immer noch nach, sehr positiv.

 

Womit hätten Sie gar nicht gerechnet?

Achatz: Was mich am meisten überrascht hat, war, wie erledigt ich nach dem ersten Arbeitstag war. Ich habe mit Rosi zusammengearbeitet. Sie hat eine sehr hohe Schlagzahl, arbeitet also sehr schnell, und ich wollte natürlich mithalten. Vielleicht hat sie mich auch ein bisschen herausgefordert. (lacht) Auf alle Fälle hatte ich am ersten Abend Blasen an den Fingern, die Zeichen der Arbeit waren sichtbar. Ich glaube, ich bin um 21.00 Uhr schlafen gegangen.

 

War es schwer, nach einer Woche Abschied zu nehmen?

Achatz: Natürlich tut es einem leid. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der GW Tirol waren sehr offen, es entstand eine gewisse Vertrautheit, viele Begegnungen und Erlebnisse waren sehr berührend. Mir hat der Brückenschlag wahnsinnig viel gebracht. Mari’ bekommt einen guten Einblick in die Sicht einer Person mit Beeinträchtigung. Man sieht, dass Menschen selbst mit einem großen Handicap noch eine hohe Leistungsfähigkeit erreichen können. Und ich war überrascht, wie viel Engagement die Menschen in der GW Tirol zeigen, wie intensiv sie arbeiten- nicht nur die Personen mit Handicap. Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist dieses Unternehmen ein wirklich großes Anliegen. Sie identifizieren sich total damit. So etwas ist nicht selbstverständlich.

 

Dieser Artikel erschien im Werkstück, Ausgabe 01