lehrnenAuch wenn die Schulabbrecher-Quote im EU-Vergleich niedrig ist: Jahr für Jahr bleiben in Tirol etliche Menschen ohne Schulabschluss.

Innsbruck – Eine Woche noch bis zum Halbjahreszeugnis. Für viele Tiroler Schüler „nur“ eine weitere Zwischenstation bis zur abgeschlossenen Berufsausbildung. Doch es gibt auch Jugendliche, die plötzlich alles hinschmeißen. Aus Frust über die Schule. Wegen Stress – im Unterricht, mit Lehrern, den Eltern. Wegen persönlicher Probleme. Oder weil sie einfach keinen Sinn in ihrer Ausbildung sehen. Hunderte Male passiert das Jahr für Jahr auch in Tirol.

Dabei ist es gar nicht so einfach, endgültige Zahlen zu Schulabbrechern zu bekommen. Es gibt nämlich erst gar keine gesetzliche Grundlage, mit der ein Bildungsverlauf nachvollzogen werden kann. Klar ist auch, dass ein Schulabbruch nicht das Ende des Bildungsweges bedeutet. Schulwechsel. Der Start einer Lehre. Ein Umzug. Vieles ist möglich. Einer Studie des Instituts für Höhere Studien zufolge waren in Tirol 2012 rund vier Prozent ohne Abschluss der Sekundarstufe I – der Anteil von Migranten war hier sehr hoch. Insgesamt beträgt der Anteil jener, die die Schule vorzeitig abbrechen, in Österreich je nach Studie zwischen 7,3 und 7,9 Prozent, das sind bis zu 70.000 Menschen. Damit liegt man in Österreich im Europavergleich gut. Für Tirols Bildungslandesrätin Beate Palfrader ist aber „jeder Schulabbrecher einer zu viel“. Denn: „Eine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung ist die beste Basis für das weitere Berufsleben.“

 

Alleine ein Prozent der AHS-Schüler und 2,2 Prozent der Schüler an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen steigen Jahr für Jahr einfach aus. Insgesamt gehen Experten davon aus, dass in Tirol 350 bis 400 Schüler jährlich aussteigen. Hinzu kommen noch Lehrlinge, die ihren Lehrvertrag auflösen. Doch wie kann man das verhindern?

 

Gespräche und Alternativen aufzeigen – das versucht man beim Landesschulrat. Ist der Schulabbruch erst erfolgt, wird es schwerer. Als eines von vier Bundesländern setzt Tirol auf das Projekt „Jugendcoaching“. Hier sollen Stärken und Fähigkeiten gestützt und der Umstieg ins Berufsleben vorbereitet werden. „Wichtig erscheint mir eine frühzeitige und intensive Berufsorientierung. Denn die richtige Bildungswegentscheidung reduziert spätere Schulabbrüche“, erklärt Palfrader. Wer in der für ihn „richtigen“ Ausbildung stecke, werde motivierter herangehen. Und die Bildungslandesrätin nimmt die Eltern in die Pflicht. Es sei wichtig, die Eltern stärker in die Berufsorientierung einzubinden, um den richtigen Weg für den Jugendlichen zu finden „und nicht den, den man sich vielleicht als Elternteil manchmal wünscht“.

 

Bildungsexperte Andreas Salcher kritisiert, dass „Bildungsdaten in Österreich leider immer noch wie ein Staatsgeheimnis behandelt werden“. Es wäre angebracht, entsprechende Untersuchungen zu machen, wo Schulabbrecher letztlich landen. Das größte Problem seien „jene 21 Prozent der 15-Jährigen, die nach neun Jahren Pflichtschule nicht ausreichend lesen und schreiben können“. Während die Politik versuche, den Absturz des Bildungssystems schönzureden, wäre die „Investition in kompetente frühkindliche Pädagogik jene Maßnahme, die den maximal langfristigen Bildungsnutzen bringt“. Das Fördern von Neugier, Lernfreude, das Lernen von sozialen Regeln, Konfliktfähigkeit und Sprachkompetenz lasse sich in den Kindergärten mit einem geringen Aufwand positiv beeinflussen.

 

Statistiken würden das Problem sicher nicht lösen, sagt Palfrader. Aber: Sie könnten zumindest hilfreich sein, um weitere Präventivmaßnahmen zu erarbeiten. (mw)

 

Auf der Suche nach den Schulabbrechern

Statistische Zahlen sind dünn gesät. Die offizielle Zahl der vorzeitigen Lehrvertragsauflösungen im Kalenderjahr 2013 betrug 1894 bzw. 14 Prozent. 2014 waren in der AHS 93,8 Prozent der Schüler aufstiegsberechtigt. 3,1 Prozent wiederholten die Klasse, 2,1 Prozent gingen in eine andere Schulform. Ein Prozent beendete den Schulbesuch vorzeitig – laut Landesschulrat liegt Tirol hier im Bundesschnitt. Bei den BMHS beendeten 2,2 Prozent die Schule vorzeitig. 4,5 Prozent wechselten ihre Ausbildung.

Seit 2008 ist die Zahl der Schulabbrecher deutlich zurückgegangen. 7,9 Prozent der 15- bis 24-Jährigen waren 2012 ohne Abschluss. Der Anteil von Burschen, Jugendlichen aus Städten und Schülern mit Migrationshintergrund lag deutlich über dem Durchschnitt.

 

Dieser Artikel erschien am 2. Februar 2015 in der Tiroler Tageszeitung.