INTEGRATIVE BERUFSAUSBILDUNG – Für Jugendliche mit Einschränkungen gibt es individuelle Ausbildungsformen.

Seit elf Jahren ist die Integrative Berufsausbildung in Österreich fixer Bestandteil des Bildungssytems. Was bedeutet Integrative Berufsausbildung (IBA) im Detail? „Sie wurde für Jugendliche mit Einschränkungen konzipiert, die keine reguläre Lehre abschließen können. Man unterscheidet bei der IBA zwischen zwei unterschiedlichen Formen: die verlängerte Lehre und eine Ausbildung über eine Teilqualifizierung“, erklärt Evelina Haspinger, Fachbereichsleiterin in der arbas Arbeitsassistenz Tirol. Die Arbeitsassistenz ist eine gemeinnützige Organisation, die im Bereich sozialer Dienste arbeitet und vom Sozialministerium gefördert wird.

Für Jugendliche, die grundsätzlich in der Lage sind, einen Lehrabschluss zu absolvieren, dafür aber etwas mehr Zeit brauchen, ist ein verlängerbarer Lehrvertrag eine optimale Lösung. „Die Lehrzeit wird dabei um ein oder höchstens zwei Jahre verlängert. Großteils absolvieren Jugendliche mit Lernschwierigkeiten eine verlängerte Lehre“, weiß Haspinger. Zum Abschluss der Ausbildung steht – auch wie bei der regulären Lehre – die Lehrabschlussprüfung.

Die Berufsausbildungsassistenz steht dem Lehrling, der Familie und dem Lehrbetrieb während der gesamten Zeit mit Rat und Tat zur Seite. „Wir sind auch Ansprechpartner bei Krisen“, unterstreicht Haspinger. Rund 80 Prozent der Jugendlichen in Integrativer Berufsausbildung machen eine verlängerte Lehre.

Ein bisschen anders sieht es bei der Teilqualifizierung aus: „Dieser Ausbildung liegt eine individuelle Ausbildungsplanung zu Grunde. Gemeinsam mit dem Jugendlichen, der Familie und dem Lehrbetrieb wird das Berufsbild des Lehrberufs auf jene Bereiche reduziert, die den Potenzialen des Jugendlichen entsprechen“, sagt die arbas-Fachbereichsleiterin.

Marija macht zur Zeit im Gasthaus Dollinger in Innsbruck eine Teilqualifizierung zur Restaurantfachfrau. „Sie ist dabei im Service im Einsatz und erledigt dort sämtliche Aufgaben, bis auf das Bonieren

und Kassieren“, erklärt Geschäftsführerin und Ausbilderin Claudia Prantl. Marija ist der erste Lehrling, den das Gasthaus in Teilqualifizierung ausbildet. „Wir haben schon seit Längerem einen Lehrling im Bereich Restaurant gesucht und mehrfach negative Erfahrungen mit ,normalen’ Lehrlingen gemacht. Deshalb haben wir uns für Marija und eine Ausbildung in Teilqualifizierung entschieden. Das Risiko, dass die Lehre erfolglos oder frühzeitig beendet werden müsste, erschien uns nicht größer als bei einer regulären Lehre“, berichtet die Unternehmerin aus ihren Erfahrungen.

Natürlich gibt es im Arbeitsalltag in der Integrativen Berufsausbildung auch Herausforderungen, sowohl für den Lehrling als auch für den Lehrbetrieb: „Marija ist eine sehr liebenswerte Person und in jedem Falle eine Bereicherung für unseren Betrieb. Im normalen Arbeitsablauf geht es sehr gut mit ihr. Allerdings ist sie in Stresssituationen, sowohl im Betrieb als auch im Privatleben, viel sensibler. Daher ist es schon eine relativ große Herausforderung für ihre Arbeitskollegen, in diesen Situationen zurecht zu kommen“, sagt Prantl.

Ganz individuell abgestimmt wird bei einer Teilqualifizierung auch der Besuch der Berufsschule. „Meistens absolvieren Jugendliche in Teilqualifizierung alle Praxis-Fächer, dafür aber weniger Theorie-Fächer“, erklärt Haspinger.

Am Ende der Ausbildung steht ebenfalls eine Prüfung. „Im Gegensatz zur verlängerten Lehre ist die Teilqualifizierung keine Lehre, sondern eine Ausbildung. Dementsprechend individuell gestaltet ist die Abschlussprüfung, der Praxis-Teil überwiegt“, beschreibt die arbas-Fachbereichsleiterin.

Claudia Prantl hat gute Erfahrungen mit Mitarbeitern in Integrativer Ausbildung gemacht: „Wir beschäftigen noch zwei weitere integrative Mitarbeiter, die wir sehr schätzen und die zu unseren loyalsten und wertvollsten Mitarbeitern zählen. Wichtig ist immer, dass die beteiligten Arbeitskollegen mit einbezogen werden und geeignet sind, diese Verantwortung zu übernehmen.“

„Es steht jedem Jugendlichen zu, eine Ausbildung im Rahmen seiner Möglichkeiten zu machen.“

Evelina Haspinger

Dieser Artikel erschien am 19.Februar 2015 in der Tiroler Wirtschaft.